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Texte

- in Auszügen -

Peter Schulz Leonhardt „Gedanken zur Zeichnung“, September 2001:
„Bis heute kann ich diese große Lust an der Untersuchung und der sich ständig wiederholenden und vertiefenden Beobachtung der sichtbaren Welt nicht leugnen. Die schwarze karge und „unbestechliche“ Linie ist Hilfsmittel für das Ordnen und Einordnen der mich umgebenden und mich bedrängenden optischen Vielfalt.“

„Es gibt immer einen äußeren ODER einen inneren, oder einen äußeren UND inneren Anlaß zu zeichnen. Zeichnungen sind oft das Ergebnis starker emotionaler Momente. Zeichnen ist direkter Zugriff, somit für mich auch unmittelbarer als der Prozeß des Malens.“

„Zeichnen ist Lebensbeschreibung. Inneres Erleben, Glück und Unglück, Neugierde und Zweifel und ein wachsames Auge lassen mich zu Stift oder zur Kohle greifen.“

„Und ich setze für mich fort: Es ist der Mensch in seiner geglückten oder gestörten Einheit von Körperlichkeit und Geist, der mich geradezu in seinen Bann zieht. Wachsam bin ich besonders gegenüber seiner Verletzbarkeit und seinen Irritationen, seinen Versuchen sich zu erklären, sich zu entziehen, sich zu schützen oder zu verleugnen.“

„Wenn der Sänger oder Schauspieler „diszipliniert“ und den Regeln seines Handwerks folgend, seinem Thema oder seiner Rolle verpflichtet, sein Inneres nach außen kehrt und uns als Zuhörer und Zuschauer oder besser Mitwisser trotzdem auf kühle Distanz hält und uns (auf jeden Fall mich) mitten ins Herz trifft, beginnt es in mir zu zeichnen und ich halte den Stift eigentlich nur noch aufs Papier. So entstand die Folge von Zeichnungen und Grafiken „Tim Fischer – Die Berliner Konzerte“

Livia Cardenas, Kunstwissenschaftlerin in Berlin, August 2003:
Entweder ist mein Auge nur der Narr der anderen Sinne oder mehr werth, als sie alle.“ Lässt Shakespeare Macbeth im 1. Aufzug sagen. Sehen und Beobachten, das Gesehene in Formen und Strukturen umsetzen. Die Arbeit des Künstlers beginnt im Kopf. Auge, Kopf und Hand sind seine Werkzeuge. Peter Schulz Leonhardts Themen umkreisen den Menschen: im Akt, im Porträt
und im Spiel – dem Schauspiel der Tragödie.“

Er arbeitet figurativ. Sparsam verwendet er die Farbe, um pointiert Akzente zu setzen. Dabei sucht er mit den ihm zur Verfügung stehenden Werkzeugen – Stift, Pinsel, Grabstichel – Zustände des Seins sowie menschliche Charaktereigenschaften, dabei nicht zuletzt auch seine eigenen, freizulegen.“

Selten sind seine Figuren im Raum verortet und wenn dann nur durch wenige andeutende Striche. Überhaupt sind seine Zeichnungen wie Grafiken in der Mehrzahl raumlos, um der Annäherung an Charakter und Ausdruckswerte der Figur nicht entgegenzuwirken .“

Christine Perthen †, Graphikerin und Zeichnerin in Berlin, März 1997 und Februar 2002:
„...die Stunde der Konzentration, eines Gefaßtseins, des Jetzt – Seins; denn er hat keinen weitläufigen „Gefühlsraum“, den er langsam füllen könnte und der ihm momentane Geborgenheit böte. Bei ihm heißt es JETZT und HIER. Der Zeichner vor dem Motiv hat keine Muße. Mit angespanntem Körper sitzt er auf der vorderen Stuhlkante(...)schafft auch eine Distanz zwischen sich und der Welt.
Was er sieht muß ihn mitreißen, er hat dessen Herr zu werden...“

„Der Fleck und die Linie sind seine spartanischen und doch so unendlich reichen Mittel. Zeichnen. Die weitgehendste Abstraktion, Entfernung und Schöpfung zugleich, denn die Welt besteht nicht aus schwarzen Linien und dunklen Flecken – eine Umwertung
wird er vornehmen müssen, will er kein Abzeichner sein; Gesehenes muß er in neue Zusammenhänge bringen...“

„Wer nun in der Lage ist, sich selbst und anderen ein Fest fürs Auge zu bereiten, dem muß selbst die sichtbare Welt ein Fest fürs Auge sein, oder der muß – wodurch auch immer – in den Stand versetzt worden sein, dem Auge Festliches in dieser unserer Welt zu sehen – was immer das für den Einzelnen sein mag: Farben, Formen, Maße und deren Zueinander. Und er muß wohl prädisponiert sein, SEINE Farben werden ihn beglücken, entzücken – auch erschüttern, SEINE Formen uns SEINE Maße. Das wird im höchsten Falle subjektiv sein, gespeist aus der Gänze dessen, der da sieht, und was den Einen müde die Augenlider senken lässt, wird den Anderen mit einer Schärfe sehen, hinsehen lassen müssen, so, als habe man ihm das Oberlid weggeschnitten – wenn ich hier Kleist sehr frei zitieren darf...“

„Alle können sehen, aber manche müssen sehen. Sehen. Alles sehen, das Schöne wie das Hässliche, das Schmale wie das Breite,
das Klare, das Verworrene, Hohes, Niedriges, sich Verkürzendes, Morgenröte, Gold, Alabaster, ein verblassendes Schilfgrün – Sehen, Sehen ohne Ausweichen zu können, nur die Nacht gäbe Ruhe...die Dunkelheit brächte Erlösung. Nur die Nacht in ihrer alles schwärzenden Güte bringt die Erlösung vom Motiv, sonst nur noch der Tod. Doch im Morgengrauen nimmt alles wieder Kontur an,
aus Nebulösem wird Klares, nichts mehr ist zu ÜBERSEHEN – die Tyrannei der sichtbaren Welt gar? Man ist umstellt. Wer sehen will, muß sehen.“

Michael Dieckmann, Druckwerkstattleiter in Berlin-Treptow, Februar 2004:
„Peter muß erst eine funktionierende und inspirierende Werkstatt in der Werkstatt um sich herum errichten, die schließlich an eine mittelalterliche Bauhütte erinnert und für die Dauer seines jeweiligen Projektes stehen bleibt. Die Radiernadeln und Schaber, Messer, Schleifsteine und Pinsel gruppieren sich auf dem Tisch wie disziplinierte, schlagbereite Heerscharen, während sich Blätter und Zeichnungen, Skizzen und Hilfskonstruktionen die Fensterscheiben hinaufarbeiten. Wie am Sandkasten einer militärischen Befehlsstelle glaubt der Beobachter, den Verlauf des Feldzuges mit den gerade anstehenden Scharmützeln minutiös verfolgen zu können und anhand von Probedrucken und gespiegelten und übermalten Fotokopien zu sehen, wie sich der endgültige Platz des Gesichtes einer verzweifelten shakespearischen Existenz im Spannungsfeld des Blattes langsam festlegt.“


Katja Kommerell, Kulturwissenschaftlerin und Grafikerin in Berlin, September 2004:
„Seine Bildwelt ist ein Zwischenreich von Realität und der Reflexion der eigenen Geschichte – geformt aus dahingleitenden Linien, geordnet in der Komposition. Es ist die Faszination an der Inszenierung...“

„Gefühle, Unterbewusstes, Befindlichkeiten, Tagesform werden thematisiert – ein Vortasten ins Unbekannte beginnt – die Exkursion ins Innere wird zum Prozeß. Seine Zeichnungen sind konkret, gehen auf das direkt Gesehene zurück, sind damit überprüfbar, authentisch, werden jedoch mit eigenem Ausdruck bereichert, der die Realität umformt.“

„Das Verlangen, das Gesehene immer wieder neu zu sehen, neu zu ordnen, findet sich in der Anwendung der verschiedenen technischen Mittel wieder: Bleistiftskizzen, Kohle- und Tuschezeichnungen von schwarz/weiß über differenzierte Grautöne hin zu leichten Farbakzenten mit dem Stift, der Feder, Pinsel oder Radiernadel. Die Klärung erfolgt im Arbeitsprozeß, das Erscheinungsbild ist das Resultat der Verknüpfung von Gesehenem und Empfundenem.“

„Die Auseinandersetzung mit dem Gesehenen und im Skizzenbuch Festgehaltenen erfolgt in intensiver Aufarbeitung im Atelier. Eigenen Erfahrungen, Empfindungen, Überzeichnungen, Abstraktionen, Reduzierungen fließen ein – eine neue Inszenierung – ein freies und ein befreiendes Arbeiten findet statt. Er liebt und beherrscht die Klarheit der Linie wie das Netz feinster Geflechte der Zeichnung, die Fülle der Farbe wie den Klang des einzelnen Tones.“

Petra Hornung, Kunstwissenschaftlerin, Berlin, März 2005:
„Beide Künstler (Anna Franziska Schwarzbach und Peter Schulz Leonhardt) sind ihren Weg gegangen – unbeeindruckt durch Mode und Trend. Ein einfacher Satz – ein absoluter Weg. Anderes zählt mehr – in der eigenen Wertschätzung; wiegt schwerer: Denkvorgänge lieben, fabulieren, das Ausloten von Grenzsituationen, die Faszination und das Leiden daran – gleichsam.“

„Leonhardt feiert die Distanzlosigkeit, zerfleischt sich im Gegenstand, und denselben gleich mit Gegenwehr sucht nach Manieriertheit, Anmut und Schwärze, Strichtriebe, Überziehung bis ihm die Dinge zu nah werden, bis die Liebe zu groß ist oder der Hass.“

„Diese seltsame Verbindung zwischen Schärfe und Milde bei Leonhardt scheint auf. ... Die Liebe lieber; das Abscheuliche abscheulicher. Mord und Totschlag, Engelshaar, Tränen zum Totlachen. Seine Natürlichkeit findet sich in künstlicher Überhöhung geborgen. – in auf die Spitze getriebenen allzumenschlichen Verhaltensweisen – nur zu ertragen wenn sie bereits einen Filter durchlaufen haben: Drama, Kunstmärchen – Macbeth, Jud Süß, E.T.A. Hoffmann: Macht, Verrat, Herzblut – das gehobene Wort; die überdehnte Geste, Kostüm. ... Mit hartem Strich monumental ins Bild gesetzt, Mimik und Gestik, Kürzel, Dekompositionen. Arbeiten
auf Pergament – rosa + hellblau. Dissonante Klänge, kräftige Konturen – gemildert durch das feine Papier – Leise Aufschreie. Peter Schulz Leonhardt möchte die Dinge am liebsten auseinander dividieren: das Gute anders aufmalen als das Böse, die schwarzen Lieder singen, den Arm abbeißen und danach die Blumen gießen – um alsbald eine Girlande aus ihnen zu flechten. Die Gefühle sind in der Schwebe. Sein Tun ist Herzblut – Prozeß – immer wieder aufs Neue.“

 

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